Sicherheitsmaßnahmen und Werksschutz

Das gesamte Werksgelände war von einem hohen Zaun mit Stracheldraht umgeben und Wachposten patrolierten diesen ab. Der Zugang zum Werk war nur an einigen wenigen Eingängen möglich. Hervorzuheben sind der Haupteingang bein Verwaltungsgebäude mit dem Großen Wendeplatz für Busse, die sogenannten "Langen Hessen" transportierten Arbeiter aus umliegenden Dörfern zum Werk. Viele Arbeiter aus denn näher liegenden Dörfern und Barrackenlagern erreichten das Werk zu Fuss.

Arbeiter aus Helsa, Eschenstruth und dem neu errichteten Lager Waldhof kamen durch das Waldhof-Tor (Abb. 3.1) ins Werk.

An den Eingängen bekamen die Arbeiter nach Unterschrift eine Kennkarte ausgehändigt die ständig sichtbar getragen werdenmußte. Anhand dieser Kennkarte konnte der Werksschutz erkennen wo der jeweilige Arbeiter seinen Arbeitzplatz hatte und welchen Weg von und zu diesem er benutzen durfte. Das verlassen des Arbeitsplatzes war nur zu den Pausen erlaubt wo die Arbeiter auf festgelegten Wegen zu den Sozialgebäuden gingen.Nur wenige Leute hatten einen Überblick über das ganze Werksgelände mit seinen Produktionsanlagen.

Alle Arbeiter waren unter Strafandrohung zum Stillschweigen über ihre Arbeit und das Werk verpflichtet. Auch den Bewohnern der umliegenden Dörfer wurde mit schweren Repressalien gedroht für den Fall dass das Sprengstoffwerk ein allzu öffentliches Thema sein sollte.

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Lager rund um das Werk

In der näheren Umgebung des Werks wurden mehrere Lager (Übersicht Abb. 3.2) zur Unterbringung der Freiwiligen, Dienstverpflichteten aus den besetzten Gebieten kommende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ab 1944 KZ-Häftlinge erbaut. Im Verlauf des Krieges als immer mehr Männer zum Wehrdienst eingezogen wurden, stieg der Anteil der in der Produktion beschäftigten Frauen und die Zahl der im besetzten Ausland dienstverpflichteten Arbeiter, auch der Anteil von Kriegsgefangen und KZ-Häftlingen stieg stark an. Entgegen der ursprünglichen Anweisung Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge nicht in wichtigen, zentralen Rüstungsbetrieben einzusetzen, wurde dies durch den enorm gestiegenen Bedarf der Wehrmacht an Rüstungsgütern und der gleichzeitig sinkenden Arbeitskräftezahl unumgänglich.

Die Unterbringungsarten waren sehr verschieden. So erhielten deutsche freiwillige und dienstverpflichtete Arbeiter eine für diedamalige Zeit gute Lager-Unterkunft. Auch die Freiwilligen und Dienstverplichteten aus den besetzten Westgebieten wie Frankreich, Belgien und Holland hatten aktzeptable Unterkünfte und erhielten zumindest in den ersten Jahren auch Heimaturlaub. Die Unterbringung der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen aus den östlichen Gebieten war getreu der damals herrschenden Ideologie vom "Untermenschen" im Osten unzureichend im Verlauf des Krieges immer schlechter werdend. In den letzten Kriegsmonaten wurde ein Teil des Lagers Vereinshaus abgeteilt und ungarische Jüdinnen darin untergebracht. Das gesamte Lager Vereinshaus war ursprünglich für 700 Personen vorgesehen, die jetzt in einem Teil davon untergebrachten 1000 Jüdinnen lebten darin unter katastrophalen Bedingungen.

Lager Vereinshaus
Zehn Wohnbaracken, zwei Küchenbaracken, zwei Waschbaracken, drei Abortbaracken, sechs Lagerbaracken. Geplant für 700 Personen, Ende 1944 mit 1000 Ost-Arbeitern + 1000 KZ-Häftlingen (abgetrennt) belegt.

Lager Föhren
Sieben Wohnbaracken (1942), eine Küchenbaracke, zwei Waschbaracken, zwei Abortbaracken. Geplant für 1000 Personen wurde das Lager 1942 verkleinert und 500 Ukrainerinnen darin untergebracht.

Lager Falkenhorst
Fünf Steinbaracken, das Lager wurde nie richtig fertiggestellt, darin Untergebracht waren ca.200 Wehrmachtsangehörige.Lager EscheGeplant für 1000 Personen. Anfangs deutsche Baurbeiter, dann deutsche Arbeiterinnen, Ukrainerinnen und zuletzt russische Arbeiter.

Lager Teichhof
22 Wohnbaracken, eine Wirtsachaftsbaracke, eine Verwaltungsbaracke, eine Krankenrevier, eine Kantinenbaracke, eine Wohnung für den Lagerverwalter, zwei Gerätebaracken, eine Wache und vier Abortbaracken. Geplant für 850 Personen belegt mit ca. 1000 Personen.

Lager Friedrichsbrück
Fünf Wohnbaracken, eine Küchenbaracke, eine Waschbaracke, zwei Abortbaracken und einen Brennholzschuppen. Geplant und Untergebracht ca. 350 Bauarbeiter.

Lager Waldhof

Das Lager Waldhof unterschied sich von den anderen Lagern durch die sorgfältige Planung und Ausführung. Die hufeisenförmig angeordneten Häuser hatten Ziegelgedeckte Satteldächer, waren massiv gemauert und hatten sogar Fachwerkimitat an den Giebelwänden. 50 Wohnhäuser, ein Sanitätshaus, ein Gemeinschaftshaus mit Kantine, Wasch- und Baderäumen, Friseur und einer Wäscherei. Geplant für 1500 Personen, Anfangs nur mit deutschen Arbeiterinnen und später auch mit Arbeiterinnen aus westlichen Staaten belegt.

Lager Herzog
22 Wohnbaracken, eine Kurzzeit-Unterkunftsbaracke, ein Gemeinschaftsgebäude, eine Großkantine für über 1500 Personen, ein Sanitätsgebäude, ein Bade- und Wäschereigebäude, ein Vorratsgebäude, eine Fahrradbaracke, ein Heizgebäude, ein Wohnhaus für die Lagerverwaltung, ein Strohschuppen und sechs Luftschutzkeller. Geplant für 1000 Personen zum Teil mit bis zu 1200 Arbeitern belegt. Anfangs nur von deutschen Arbeitern bewohnt, später auch von Arbeitern aus westlichen Staaten und einigen polnischen Arbeitern bewohnt.

Lager Lenoir
Ein ehemaliges Waisenhaus gestiftet von den Gebr. Lenoir, bestehend aus drei großen Steinhäusern. Ein Gebäude wurde von männlichen Werksangestellten bewohnt, ein zweites von weiblichen Angestellten und das dritte Gebäude diente als Werkslazerett.

Lager Steinbach
Sechs Wohnbaracken, eine Gemeinschaftsbaracke, eine Sanitäts- und Wäschereibaracke, ein Badehaus, ein Waschhaus, ein Haus für den Lagerleiter, eine materialbaracke, eine Kantinenbaracke und eine Abortbaracke. Belegt von ca. 300 Arbeitskräften die in der beschlagnahmten Hansa Schwerweberei Spezialmaschinen und Werkzeug fertigten.

Siedlung Fürstenhagen
Die Siedlung Fürstenhagen diente zur Unterbringung leitender Angestellten und der Werksführung. 15 dreistöckige Steingebäude mit Wohnungen für Angestellte mit Familie, vier Häuser für die Werksführung und ein Wohnheim für ledige Angestellte.

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Arbeiter, Dienstverpflichtete, Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge

Zu Beginn der Bauarbeiten am Werk Hess. Lichtenau wurden im ganzem deutschen Reichsgebiet Männer dienstverpflichtet. Die Dienstverpflichtung geschah meist ohne Rücksicht auf die Situation des einzelnen und wurde wenn nötig mit Zwang von den zuständigen Stellen wie Arbeitsamt und Deutsche Arbeitsfront (DAF) durchgeführt.

Schon Ende 1938 wurde die Verordnung zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung kurz Notdienst-Verordnung, man könnte auch sagen Zwangsarbeitsgesetz, auch auf Frauen ausgedehnt.

Die Dienstverpflichteten hatten eine Arbeitszeit von 10 Stunden und erhielten 66 Pfennig (Männer) bzw. 41 Pfennig (Frauen) als Lohn wobei die in den Lagern untergebrachten noch ca. die Hälfte vom Lohn für Unterkunft und Verpflegung an das Werk zurückzahlen mußten.

In den besetzten Gebieten wurden Kampagnen gestartet um Arbeitskräfte in die Rüstungsbetrieb im deutschen Kernland zu locken. Im Laufe des Krieges wurde aus diesen "Anwerbungen" in den Ostgebieten immer mehr eine offene Treibjagd auf Arbeitskräfte.
Die Unterbringung, Verpflegung und medizinische Versorgung der Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten und da besonders die der russischen Arbeiter war um einiges schlechter wie die der anderen Arbeiter. Gab es in dem (sehr) vorbildlichen Lagern Waldhof (deutsche und franz. Arbeiterinnen) und Herzog (deutsche Arbeiter) neben Wasch- auch Baderäume, wöchentliche Kino- oder Varitee Vorstellungen, Ausgang bis 22:00 Uhr so waren die Bedingungen in den streng Bewachten Lagern der russischen- und ukrainischen Arbeiter trist fast erbärmlich. Auch die Kleidung der Zwangsarbeiterinnen aus den Ostgebieten war oft sehr unzureichend, so hatten viele Frauen Sommer wie Winters nur Holzpantienen an den Füßen, die Füße zum Schutz vor Kälte mit Lumpen umwickelt. Die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen waren die jüngsten im Werk Hess. Lichtenau, die meisten unter 20 Jahren, manche noch halbe Kinder erst 15 oder 16 Jahre alt.

Die Lage der ab 1944 eingesetzten KZ-Hätlingen aus Buchenwald, vorwiegend ungarische Jüdinnen, mochte zwar im Vergleich zum KZ Buchenwald selbst hinsichtlich Unterbrinung und Verpflegung etwas besser gewesen sein, aber immer noch vollkommen unmenschlich. Die Verpflegung war nochmals um einiges schlechter wie bei den russischen Zwangsarbeitern und Krankheit oder Schwäche bedeutete die Rückführung nach Buchenwald zur "Vernichtung". Es gibt Berichte (auch von deutscher Seite) darüber das die zur Bewachung der KZ-Außenstelle eingesetzte SS-Manschaft oft ein sadistisches Verhalten gegenüber den Frauen an den Tag legte, so kam es vor das die Häftlinge nach ihrem 10 - 12 Stunden Arbeitstag und dem Rückmarsch noch stundenlang auf dem Lagerplatz bei Wind und Wetter strammstehen mussten.

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Gesundheitsgefahren, Unfälle und Explosionen

Es ist zwar erwiesen das gerade die Arbeiter aus den ehem. Ostgebieten zu besonders gefährlichen Arbeiten eingeteilt wurden, wie z.B. das schieben der mit Granaten beladenen Handwagen durch die Kühlkanäle, oder das Umrühren des Sprengstoffbreis in den Nitieranlagen, aber auch die deutschen Arbeiter waren den Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Besonders in sensiblen Bereichen sollten wenn möglich deutsche Arbeiter eingesetzt werden.

Eine Zeitzeugin berichtet: "Wir wohnten in der Nähe der Sprengstofffabrik und meine Schwestern und ich wurden dienstverpflichtet, ich hatte Glück und kam in eine Weberei die Fallschirme und Zeltplanen herstellte, eine meiner Schwestern jedoch mußte in der Sprengstofffabrik arbeiten. Als sie schwanger war meldete sie dies nicht, obwohl die deutschen Frauen dazu angehalten waren. Das Kind war bei der Geburt ganz schwach und gelb, es starb nach einem Tag weil es keine Luft bekam."

Viele Arbeiter die in direkten Kontakt mit dem Sprengstoff oder seinen Zwischenprodukten standen, bekamen mit der Zeit durch Pigmentverfärbungen kastanienrote- oder gelbfarbene Haare und bronzefarbene Haut, dieses führte zu den Spitznamen Kanarienvögel und Goldköpfchen, viele der Arbeiter fanden die so "eingefärbten" Frauen sehr attraktiv. Bei längeren oder intensiven Kontakt mit den Sprengstoffen führte die Vergiftung zu Leberschäden und Leukämie die oft tödlich endeten. Das Einatmen der Dämpfe beim Umrühren des Sprengstoffbreis und der Säuredämpfe in den Spaltanlagen führte oft zu irreperablen Lungenschäden.

Bei einem so großem Werk und denn vielen zusätzlichen Bauarbeitern die unaufhörlich das Werk erweiterten oder reparierten, war natürlich eine hohe Zahl an "normalen" Arbeitsunfällen wie Quetschungen, Schnitte und Brüchen fast unvermeidbar, diese stieg aber stark an im Laufe der Kriegsjahre. Ausgelöst wurde dieser Anstieg der Unfälle durch immer höhere Anforderungen an die Produktions- und Bauarbeiter, gesteigerte Produktion bei gleichzeitig gesenkten Sicherheitsmaßnahmen und nicht zu vergessen der schwindenden Anzahl von Fachkräften die an die Front mußten.

Datum Tote Verletzte Nr. Funktion Schaden
06.09.1938 11 k.A. 305 Nitrierhaus k.A.
22.10.1940 5 4 Tri-Station Vergiftung
17.03.1941 17 k.A. 370 Fertigung Zündanlagen k.A.
07.05.1941 - 1 TNT-Nitrierhaus 4% Produktionsausfall
07.05.1941 - k.A. Fabrik Eschenstruth Feuer
04.08.1941 - 2. 337 Nitrieranlage 60 000 RM Schaden
25.05.1943 15 53 412/414 Füllstation Ost Explosion 150 000 RM Schaden
10.04.1943 63 k.A. 413/415 Füllstelle II West Explosion 1,25 Mill. RM Schaden
02.06.1944 k.A. k.A. Säure-Spaltanlage Verpuffung, 2600 Tonnen Oleum Ausfall
14.08.1944 1 2 352 Pikrin-Nitrierhaus 150 000 RM Schaden
25.02.1945 1 k.A. k.A. k.A.
31.03.1945 13 k.A. 413/415/417 Füllstelle II West k.A.
Die Folgen der heute noch nachweisbaren Unfälle und Explosionen im Werk Hess. Lichtenau.

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