Die Pikrinsäure Produktion

Als zweiter Sprengstoff wurde ab November 1938 Trinitrophenol (Pikrin oder Pikrinsäure) im Werk Hess. Lichtenau produziert. Pikrinsäure ensteht durch Erhitzen von Salpeter und Phenol. Für die Herstellung standen zwei Anlagen mit einer mittleren monatlichen Kapazität von 173 Tonnen zur Verfügung, damit war das Werk Hess. Lichtenau die größte Produktionsstätte von Pikrin in Deutschland.

Als militärischer Sprengstoff wurde Pikrinsäure im zweiten Weltkrieg im deutschen Heer nur noch begrenzt verwendet, teilweise wurde sie noch zur Herstellung von Pioniermunition (Bohrpatronen und 200g Sprengkörper) und von Übertragungsladungen für grössere Bomben benutzt. Ein Nachteil der Pikrinsäure ist die Neigung zur Bildung stossempfindlicher Pikrate bei Einfüllung in nicht geschützte Metallhülsen. In ihrer früher üblichen Verwendung zu Zündanlagen, detonierenden Zündschnüren und Sprengkapseln wurde sie durch die modernen Sprengstoffe Hexogen und Nitropenta abgelöst.

Zur Herstellung einer Tonne Pikrin wurden folgende Chemikalien benötigt:

- 885 kg Dinitrophenol
- 2385 kg Abfallsäure

des weiteren

- Dampf für die Temperierung
- Kühlwasser
- Wasser für die Wäsche

Es fällt Abfallsäure an, die mit Pikrinsäure und weiteren Reaktionsnebenprodukten verunreinigt ist. Ein Teil der Abfallsäure wurde für die nächste Nitrierung eingesetzt, der Rest durch Konzentration regeneriert.

In einem der gußeisernen, temperierbaren Kessel mit Rührwerk wurden 2.092 kg Abfallsäure aus der vorherigen Nitrierung auf 50 °C erwärmt. Innerhalb von 30 Minuten wurden nach und nach 750 kg Dinitrophenol zugegeben. Der nächste Schritt war das man über einen Zeitraum von 2,5 Stunden eine Mischsäure aus 355 kg 86 %iger Salpetersäure und 710 kg 20 %igem Oleum zulaufen lies. Die Temperatur mußte bei 80 °C gehalten werden. Nach erfolgtem Zulauf der Mischsäure wurde die Temperatur innerhalb von 20 Minuten auf 110-112 °C erhöht und 1,5 Stunden gehalten. Nachfolgend wurde dann die entsandene Reaktionslösung innerhalb von 2-3 Stunden auf 25-30 °C abgekühlt. Nach der Abkühlung scheidet sich die Pikrinsäure feinkristallin ab und wurde anschließend durch Zentrifugation oder Vakuumfiltration abgetrennt. Die so gewonnene Pikrinsäure wurde mit kaltem Wasser neutral gewaschen und abzentrifugiert, danach besaß sie noch einen Restwassergehalt von ca. 4 %. In Trockenhäusern wurde die Pikrinsäure in Portionen von 400 kg 24 Stunden bei einer Temperatur von 95-100 °C Restgetrocknet. Aus 750 kg Dinitrophenol werden 848 kg Pikrinsäure gewonnen. Die getrocknete Pikrinsäure wurde granuliert und in Kisten verpackt in Lagerhäuser transportiert wo das verpackte Granulat zwischengelagert wurde bis zur Verarbeitung im eigenen Werk oder zum Abtransport mit der Reichsbahn in andere Munitionsanstalten die selber kein Sprengstoff herrstellten.

Die Betriebsgruppe zur Herstellung von Pikrinsäure:

Pikrin-Nitrierhaus -> 352 bzw. 382
Pikrinsäure-Waschhaus -> 354 bzw. 384
Zwei Trockenhäuser -> 355/356 bzw. 385/386
Siebhaus -> 357 bzw. 387
Säurelager -> 360 bzw. 390

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